
NN/HA/LOKAL/LOKAL3 - Mi 04.08.2010 - STADT NÜRNBERG PORTRÄT
Blinder Sprachenschüler lässt sich nicht entmutigen
Marco Meier paukt Englisch, Französisch und Spanisch - Unterstützung von Klassenkameraden und Lehrern VON SILKE ROENNEFAHRT
Die Sätze, die an der Tafel stehen, kann er nicht lesen, die Vokabeln, die er lernen soll, nicht sehen: Marco Meier ist blind - und macht trotzdem eine Ausbildung an der Nürnberger Fremd-sprachenschule. Auch für die Bildungseinrichtung ist das ein Experiment.
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Arbeiten am Computer: Marco Meier will Fremdsprachenkorrespondent werden.
Foto: De Geare |
Vierte Stunde, Englisch steht auf dem Stundenplan. Mit Hilfe einer Wörterliste üben die Schüler neue Redewendungen ein. Während die anderen das Blatt mit Füller oder Kugelschreiber bearbeiten, hat Marco Meier einen Computer auf dem Schreibtisch stehen. Doch das Gerät allein reicht dem 22-Jährigen nicht. Zwar kann er, wie er es in der Schule gelernt hat, mit einer ganz normalen Tastatur umgehen. Doch um „lesen zu können, was er lernen soll, nimmt Meier ein Braille-Display zu Hilfe. „Das überträgt den Text auf dem Bildschirm in Blindenschrift, erklärt der Schüler. Kleine Stifte werden nach oben gedrückt, Meier kann die Wörter erfühlen. Alle helfen Trotzdem käme er wohl ohne die Unterstützung seiner Mitschüler nicht zurecht. Für sie sei es selbstverständlich, Marco zu helfen, sagt zum Beispiel Theresa Nennhuber. Ob es darum geht zu diktieren, Vokabeln vorzulesen oder auf dem PC die richtige Seite zu finden, die 18-Jährige und ihre Mitschüler wechseln sich bei kleinen Hilfestellungen ab. „Wer zuerst da ist, setzt sich einfach neben ihn. So sorgen sie dafür, dass Meier auch dann zurechtkommt, wenn es schnell gehen muss. Einen blinden Schüler aufzunehmen, das war auch für die 1956 gegründete Nürnberger Fremdsprachenschule ein Experiment. Zwar besuchen immer wieder mal Körper-behinderte das private Ausbildungsinstitut, das von einem gemeinnützigen Schulverein getragen wird. Doch einen blinden Schüler hatte die Einrichtung zuvor noch nie, so Geschäftsführerin Eva Olympia Klaußner. Damit der Versuch gelingt, mussten die Mitarbeiter Unterrichts-materialien digitalisieren und sich mit den speziellen Prüfungsbestimmungen befassen - ein Mehraufwand, der zu bewältigen sei, so Schulleiterin Maria Lankes. Unterstützung kam von Angelika Gradel, stellvertretende Schulleiterin am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (BBS), wo auch Meier zur Schule ging, bevor er in Marburg sein Fachabitur machte. Gradel betreut zudem den mobilen sozialpädagogischen Dienst an beruflichen Schulen und bestätigt, dass Schüler wie Marco eine Ausnahme sind: 210 junge Leute machen am BBS ihre Ausbildung, nur 13 besuchen externe Einrichtungen. Damit sie Erfolg haben, müssen viele Partner zusammenarbeiten. Gradel: „Es sind besondere Hürden zu überwinden. Hürden, die Gradel verringern will, indem sie Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen berät. Mehr Zeit bei den Prüfungen, keine geometrischen Aufgaben - damit Blinde und Sehbehinderte ihr Handicap ausgleichen können, gelten für sie besondere Bestimmungen. Gradel hofft, dass sich noch mehr Einrichtungen öffnen werden. „Das ist ein großer Wunsch von uns und unseren Schülern. Dass die Bundesregierung im vergangenen Jahr die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert hat, lässt die Betroffenen hoffen. Demnach darf niemand aufgrund seiner Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Fördereinrichtungen werde es aber weiter geben, betont Gradel, nicht jeder sei den Anforderungen gewachsen. Mehr Chancen Auch Marco Meier hat gemerkt, dass das Pensum eines angehenden Fremdsprachen-korrespondenten nicht so einfach zu bewältigen ist. Mit Französisch, Englisch und Spanisch lernt er gleich drei Sprachen. Um seine Noten zu verbessern, wird er das Schuljahr noch einmal wiederholen. Entmutigt ist er jedoch keineswegs, sondern er denkt schon über ein Studium im Anschluss an die Ausbildung nach. Schüler und Lehrer hätten ihn sehr unterstützt, sagt der junge Mann. Jetzt schon mit Sehenden zusammenzuarbeiten, sei für ihn ideal, „weil ich das ja später im Berufsleben auch machen will. Und seine Chancen auf einen regulären Arbeitsplatz dürften durch die reguläre Ausbildung steigen, glaubt er. Auch die Chefinnen der Fremdsprachenschule sind mit dem Experiment zufrieden. Ein Schüler wie Marco bereichere das Schulleben, sagen Klaußner und Lankes. „Die anderen Schüler profitieren davon. Und auch wir haben viel gelernt.
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